conference agile in automotive

Agile Automotive 2019

Interview mit Kristian Borkert

Die Fachkonferenz Agile Automotive hat sich als führende Konferenz zu agilen Entwicklungsprozessen, -methoden und -praktiken im Bereich Automobilelektronik etabliert. Kugler Maag Cie hat die Konferenz konzeptioniert und unterstützt den Konferenzveranstalter Euroforum bei der Ausrichtung der Tagung inhaltlich.

30.08.2019

Hallo Kristian, Du bist Rechtsanwalt und steckst tief im Thema Agilität drin. Wie kommt das?

Ja, das klingt erstmal ungewöhnlich. Vermutlich bin ich einer der ganz wenigen Juristen, die auch als Scrum Master qualifiziert sind. Mir ging es schon immer darum, Lösungen für die Praxis zu finden, die funktionieren. Zu den agilen Methoden bin ich vor über 10 Jahren gekommen. Ich habe damals viel Vertragsgestaltung im IT-Sourcing gemacht. Als dann ein Projektleiter, den ich bei der ersten Phase seines Projekts unterstützt hatte, mit der Info zu mir kam, „Kristian, wir brauchen bald den Vertrag für Phase 2. Jetzt arbeiten wir komplett agil“ war mir schnell klar, dass wir nicht auf den Standard-Mustern aufsetzen können, sondern neue Wege gehen müssen, die die agilen Prozesse besser unterstützen und keine Parallelwelt im Vertrag erschaffen.

 

Ein Leitsatz aus dem Agilen Manifest lautet: „Zusammenarbeit mit dem Kunden steht über der Vertragsverhandlung“. Priorisiert Agilität an dieser Stelle falsch? Wie stehst Du als Anwalt zu diesem Leitsatz?

Wenn man den Satz isoliert sieht, macht er erstmal den meisten Juristen und Einkäufern Angst. Wie, die wollen im Zweifel ohne Vertrag zusammenarbeiten? Was ist mit Datenschutz, Compliance und Regulatorik? Wenn man durchatmet und das Agile Manifest komplett liest, erfährt man, dass Vertragsverhandlungen wichtig sind, aber im direkten Vergleich mit der Zusammenarbeit zurücktreten müssen. Denn der Vertrag garantiert nicht den Projekterfolg, eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Kunden ist hingegen schon fast die halbe Miete. Es geht darum beide Ebenen zu verstehen. Ein Vertrag der die agilen Prinzipien gut umsetzt und das Projekt unterstützt, ist nach meiner Erfahrung ein starker Katalysator für den Projekterfolg.

 

Organisationsgrenzen überschreitende Agilität steckt derzeit noch in den Kinderschuhen. Inwieweit müssen die Beteiligten, die tagein tagaus mit der Vertragsgestaltung betraut sind, bei agilen Projekten plötzlich umdenken?

Nach meiner Beobachtung ist Agilität in vielen Unternehmen zunächst einmal ein hippes Etikett, ein Buzzword. Vielfach steht Agilität drauf, es ist aber keine drin. Das merke ich insbesondere, wenn agile Projekt über Organisationsgrenzen hinweg laufen. Gerade Querschnittsfunktionen wie Qualitätssicherung, Einkauf, Recht und Co. fehlt häufig Expertise in dem Bereich. Klar kann man sich den Scrum Guide herunterladen und durchlesen. Um Agilität zu verstehen, reicht das aber meiner Erfahrung nach nicht aus. Insbesondere der Umgang mit Veränderungen, Backlog Management und Priorisierung auf Projektvision und Mehrwert passen nicht in die bisherige, traditionelle Vorstellung. Die lautet eben, dass bei Projektbeginn das Endprodukt bereits vollständig bekannt ist. Das traf auch in der Vergangenheit bei längeren Projekten natürlich nur selten tatsächlich zu.

 

Wenn über Organisationsgrenzen hinweg agil gearbeitet wird, kann es bei Arbeitsprodukten sicherlich passieren, dass es gar nicht klar ist, wessen geistiges Eigentum es am Ende ist, oder? Wie kann man diesem Problem beikommen?

Innovationen und Produkte wie selbstfahrende Autos oder ein blockchain-basiertes Ökosystem für Mobilität entstehen häufig dadurch, dass man auf den Ideen anderer aufbaut. Bei gemischten Teams mit mehreren Lieferanten und dem Auftraggeber sind meist mehrere Beteiligte (z.B. Entwicklungsingenieure, Produktmanager, Softwaredeveloper) gemeinsam Urheber oder haben die Möglichkeit Patente anzumelden. Wenn erst eine patentierbare Erfindung oder das nächste WhatsApp geboren ist, war gerne jeder der Vater und eine Einigung wird angesichts des wirtschaftlichen Potentials schwierig. Daher empfehle ich für agile Kollaborationen klare Regelungen für das geistige Eigentum, je nach dem diskutierten Geschäftsmodell, im Vorfeld zu treffen.

 

Inwieweit riskiert z.B. ein OEM bei einer engen agilen Zusammenarbeit mit einem Zulieferer ein ungewolltes Zustandekommen eines Arbeitsverhältnisses mit einem der Entwickler des Zulieferers? Laufen wir als Automobilindustrie mit dieser neuen Form einer Organisationsgrenzen überschreitenden Agilität in ein größeres Problem? 

Bei der engen Zusammenarbeit mit Mitarbeitern von Zulieferern z.B. einem Entwicklungsingenieur oder Softwaredeveloper ist immer die Frage, ob nicht tatsächlich wie in einem Arbeitsverhältnis zusammengearbeitet wird. Also ob der Werk- oder Dienstverstrag nicht nur zum Schein vereinbart wurde, aber tatsächlich ein Arbeitsverhältnis die Grundlage für die Zusammenarbeit ist. Ein zentrales Kriterium ist dabei, ob dem Mitarbeiter vom Auftraggeber arbeitsrechtliche Weisung erteilt werden, also z.B. welche Aufgaben er heute Vormittag zu erledigen hat. Diese Themen sind durch eine gute Gestaltung des Zusammenarbeitsmodells und der Einrichtung eines Compliance-Systems aber recht gut beherrschbar, auch oder ganz besonders im Agilen Umfeld, welches auf eigenverantwortlich handelnde Teammitglieder und Selbstorganisation aufbaut.

 

Danke für Das Interview! Letzte Frage: Worauf können sich die Konferenzteilnehmer der Agile Automotive 2019 bei Deiner Session jetzt schon freuen?

Sehr gerne. Danke für die Einladung dazu. Ich habe den Workshop sehr offen konzipiert. Als Einleitung gibt es einige Basics zur Vertragsgestaltung für agile Partnerschaften. Dann liegt es sehr stark an den Teilnehmern, was wir machen. Ich habe einige Themen wie Arbeitnehmerüberlassung und Agilität, robuste Veränderungsmechanismen, Qualität und Abnahme zur Auswahl vorbereitet. Alternativ freue mich aber auch Praxisbeispiele der Teilnehmer zu diskutieren und gemeinsam Lösungswege zu entwickeln. Ich bin jetzt schon gespannt, für was sich die Teilnehmer entscheiden und freue mich auf den Austausch.

  

Informationen zum Interviewten:

Verbesserungskonzepte

Kristian Borkert ist IT-Anwalt bei JURIBO Legal & Consulting, International Procurement Manager für Informationstechnologie und Telekommunikation und Zertifizierter Scrum Master mit praktischer Erfahrung im agilen Projektmanagement.

 

Informationen zum Interviewer:

Verbesserungskonzepte

Sergej Weber ist Senior Consultant/Agile Coach bei KUGLER MAAG CIE GmbH. Er unterstützt führende deutsche Automobilzulieferer wie zum Beispiel Bosch, Continental und Hella bei ihren agilen Transformationen